Verschiedene Völker auf demselben Weg. In welche Zukunft?

05.10.2019
Stuttgart(D)
von der Redaktion
Scalabrini-Fest, CdS Stuttgart

Vom 4. bis 6. Oktober fand in Stuttgart das Scalabrini-Fest der Früchte statt. Es wurde vom Centro di Spiritualità der Scalabrini-Missionare in Zusammenarbeit mit unserer Gemeinschaft organisiert. Im Folgenden veröffentlichen wir einen Ausschnitt aus dem Vortrag, den Pater Fabio Baggio[1] für die Teilnehmenden vorbereitet hatte.

Die Sektion »Migranten und Flüchtlinge« ist eine Unterabteilung der vatikanischen Behörde »Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen«. Diese Sektion errichtete Papst Franziskus am 1. Januar 2017, weil er damit besonders verletzliche und gefährdete Gruppen unterstützen will, wie MigrantInnen, AsylbewerberInnen, Geflüchtete, intern Vertriebene und Opfer des Menschenhandels. Es ist die einzige Abteilung der Kurie, die direkt vom Papst geleitet wird. Der Jesuit P. Michael Czerny, seit Kurzem Kardinal, und ich unterstützen ihn dabei als Sekretäre. Wir arbeiten also direkt mit Papst Franziskus zusammen und haben von Anfang an einen besonderen Auftrag, nämlich die Ortskirchen zu unterstützen, Daten zu sammeln und dafür zu sorgen, dass Überlegungen und Aktivitäten in der Seelsorge für Migranten in Gang gebracht werden.

Es geht nicht nur um Zahlen

Immer wieder betont Papst Franziskus, dass wir nicht nur von Zahlen und Nummern sprechen dürfen. Wir müssen auf die Geschichten dieser Menschen hören, auf den einzelnen, auf zehn, auf zwanzig … Jede ist anders, jede ist einmalig und sie verdienen unsere Aufmerksamkeit. Achten wir auf das Kind, die Familie, die an unsere Tür klopft, auf den, der Zuflucht oder Arbeit sucht. Papst Franziskus lädt uns ein, eine Kultur der Begegnung zu leben.

Die Dialektik von Herausforderung und Möglichkeit

Ich möchte euch eine kleine Übung vorschlagen. Es geht darum, die Dinge dialektisch zu betrachten, also immer auch eine gegensätzliche Behauptung aufzustellen. Versuchen wir das nun mit der Migration. Wenn wir auf der einen Seite von Problemen sprechen – oder besser Herausforderungen -, dann können wir sie andererseits auch als Krisen benennen. Im Griechischen bezeichnet das Wort Krise jenen Moment, in dem wir vor einer Entscheidung stehen, an der wir auch wachsen können. Insofern können wir von der Migration auch als Möglichkeit, als gute Gelegenheit, als Chance sprechen. Wir stehen vor einer Herausforderung, deren gemeinsame Lösung uns einen Schritt nach vorne machen lässt. Wir entwickeln uns weiter.

Wenn wir das jetzt versuchen, möchte ich dabei die vier Verben ins Spiel bringen, die Papst Franziskus im Februar 2017 während des internationalen Forums für Migration und Frieden verwendet hat. Entlang dieser Verben soll sich eine Migrationspastoral entwickeln: aufnehmen, schützen, fördern, integrieren.                    [...]

Schlussgedanken

Am Ende möchte ich noch drei wichtige Gedanken zusammenfassen:

Als erstes ist zu bedenken, dass die heutige Migration sehr komplex ist. Menschen und Völker migrieren aus den verschiedensten Gründen und dies in einer Welt, die so und so schon sehr komplex ist. Es gibt keine simplen Antworten darauf. Slogans und Vereinfachungen helfen nicht weiter. Die Migration verlangt nach einem vertieften, genauer untersuchenden Umgang, um sie zu verstehen.

Der zweite Punkt ist: Papst Franziskus forderte uns auf: aufzunehmen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren. Er selbst lebt uns das vor, denken wir an seine Aufenthalte auf Lampedusa und Lesbos, aber auch sonst auf seinen Reisen. Er möchte den Menschen ganz nahekommen und das fordert uns in unserer christlichen Haltung heraus. Es genügt nicht, nur über jemanden zu sprechen. Wir müssen ihn gleichsam berühren, seine Geschichte kennenlernen, in sein Leben eintreten. Das ist vor allem für die jungen Menschen sehr wichtig. Es genügt nicht nur eine Facebook oder Twitter Notiz zu lesen, es braucht die direkte Begegnung eins zu eins. Berühren und sich berühren lassen! So sagte Papst Franziskus: »Wir können nicht kalt bleiben«. Mitweinen-können ist ein Geschenk, das uns Anteil nehmen lässt.

Der dritte Punkt betrifft unsere Gemeinden, vor allem unsere Pfarreien und katholischen Gruppen. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern die ausschließt, die wegwirft. Da heißt es ich, ich, ich und nicht wir. Das, was über uns hinausgeht, zählt nicht, höchstens wenn es sich politisch verwerten lässt. Dem wollen wir aber als christliche Gemeinschaft entgegenhalten: Die Migration ist eine Chance! Durch sie lernen wir unseren Auftrag und unseren tieferen Sinn als Kirche kennen, nämlich als Ferment in der Menschheit zu wirken. Wir sind dazu berufen eine universale, weltweite »katholische«, inklusive Kirche aufzubauen, die bereit ist, alle in sich aufzunehmen. Gastfreundschaft zu leben, bedeutet für uns eine Pflicht für mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Wir sind dazu berufen, über das Ungleichgewicht nachzudenken, das in unserer Welt von heute großes Unrecht schafft. Und dann müssen wir handeln. Wir müssen kritischer werden dem gegenüber, was uns als «Wahrheit» verkauft wird.

Bei allem aber ist es am wichtigsten, dass wir Gottes Liebe durchscheinen lassen. Jedes Mal, wenn wir seine Liebe nicht weiterschenken, werden wir schuldig. Und Gott schenkt seine Liebe und seine Barmherzigkeit vor allem den Kleinsten und Schwächsten.

bearbeitet von der Redaktion

 


[1]  Pater Fabio ist Scalabrini-Missionar. Sein Theologiestudium schloss er mit einem Doktorat in Kirchengeschichte an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom ab. In seinen ersten praktischen Jahren als Missionar war er Berater für Migrationsfragen der Bischofskonferenz Chile, sowie Direktor für die Abteilung «Migration» der Erzdiözese Buenos Aires. Er hatte Lehraufträge an verschiedenen Universitäten in Europa, Lateinamerika und Asien inne. Von 2002 bis 2010 war er Direktor des Scalabrini Migration Center (SMC) in Quezon City (Philippinen) und Herausgeber der Fachschrift «Asian and Pacific Migration Journal». 2010 wurde er zum Direktor des Scalabrini International Migration Institute (SIMI) berufen, das der Päpstlichen Universität Urbaniana eingegliedert ist. Seit 1. Januar 2017 ist er nun Sekretär der Sektion «Migranten und Geflüchtete», die direkt dem Papst unterstellt ist.

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