Ich will, dass du bist

30.11.2018
Stuttgart(D)
von Prof. Dr. Jörg Splett
CdS Stuttgart, Junge Erwachsene

»Zunächst einmal würde ich zustimmen. Es ist in der Tat eine Herausforderung. Denn wenn wir sagen: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, für das das eigene Leben nicht das Höchste ist, sondern das das eigene Leben einsetzen kann für den Anspruch des Sollens1, dann haben wir damit eine gefährliche Tür geöffnet. Es ist die Tür dazu, dass Menschen für ihre Ideale das Leben nicht mehr achten und respektieren, sondern einfach beseitigen. Und wir können sehen: Mord und Totschlag gehören in die Religionsgeschichte. Kardinal Newman sagte einmal, wenn er in die Natur und in die Geschichte schaut, dann ist das, als würde er in einen Spiegel blicken und sein Gesicht nicht erkennen. Da gibt es Tiere, die sich fressen, Menschen, die sich umbringen. Bei diesem Anblick fragte sich Newman: Wie kann ich da an einen Gott glauben, soll ich nicht Atheist werden? Und Polytheist? Im Grunde ging es ihm um die Frage: Wie kann dieser mörderische Zustand in der Welt aufgehoben werden? Dann hat er entdeckt, dass dies nur möglich ist über die Erfahrung des Gewissens, diese leise Stimme Gottes in uns - leicht überhörbar! - mit der uns gesagt wird: ›Sei gut, kämpfe nicht in erster Linie für dein eigenes Leben, sondern hilf den Menschen, indem du sie liebst.‹ Und was heißt lieben? Hannah Ahrendt - ich zitiere sie gerne, weil sie weder Christin war noch an Gott glaubte – drückte das in ihrer Doktorarbeit bei Carl Jaspers über die Liebe so aus: ›Lieben heißt sagen: Ich will, dass es dich gibt.‹ Das ist die kürzeste Beschreibung für Liebe. In ihr letztes Buch hat sie das noch einmal aufgenommen.

Wir sind also aufgerufen zu lieben, zu sagen: Ich will, dass du bist! Nun kann man fragen: Warum? Und man könnte antworten: Weil mir das gut tut mit dir. Das ist dann die begehrende Liebe.

Wie Josef Piper und Romano Guardini sage ich, auch die begehrende Liebe ist Liebe, aber die höhere Liebe ist die, bei der ich sage: Ich will, dass du bist, nicht, weil ich etwas davon habe, sondern weil ich es in sich gut finde, dass du da bist. Und darum bin ich dir gut. Diese Tatsache, dass ich dir gut sein soll, dass ich sagen soll: Du sollst sein, ich will, dass du bist, macht unsere Würde aus.

Denken wir an Schöpfung, dann denken wir in der Regel nur an einen An­fang. Aber Schöp­fung geschieht jeden Moment. Die Fachleute nennen das fortgesetzte Schöp­fung (creatio continua): Jetzt, in diesem Mo­ment sagt Gott zu jedem und jeder von uns: Ich will, dass Du bist. Sonst wären wir jetzt gar nicht da. Und warum hat Gott uns geschaffen? Weil er Mit-Liebende will und das wissen wir durch Jesus, den menschwordenen Gott. Vor aller Leistung, trotz aller Schuld, reuelos und unwiderruflich, jetzt, sagt Gott: Ich will, dass du bist. Bei dieser Er­fahrung denkt man nicht mehr an das Lohnen. Es ist verschwunden wegen dieser unglaublichen Rolle, die wir spielen: Vor aller Leistung, trotz aller Schuld, reuelos und unwiderruflich, ich will dass du bist, jetzt. Das sollen wir wissen, dass Er es zu uns sagt, und wir sollen es mit Ihm zu jedem sagen. Unser eigenes Leben in die Liebe hineingeben, mit den anderen lebend, ein solches Sollen gibt Würde.«

 

1  Aus dem einführenden Statement von Prof. Splett: »Würde wird uns nicht von Sehnsucht gegeben, sondern Würde kommt von einem Sollen: Wir sollen gut sein. Fichte sagt sogar, wir sollen nicht nur sollen, sondern wir sollen dafür kämpfen, dass es ein Sollen ist. Wir sollen nicht nur tun, was wir sollen, sondern dafür da sein, dass das Sollen gesollt sein soll. Das nennt Fichte das Soll des Sollens. Und dieses Soll des Sollens macht unsere uneinholbare Würde aus. Sobald wir dafür sind, dass es das Sollen gibt und dass wir sagen: Etwas Tolleres als ein absolutes Sollen gibt es nicht, sind wir Wesen absoluter Würde. Dann sind wir bereit für dieses Sollen unser Leben einzusetzen und das gibt uns Würde.«

 

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